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Alt 08.10.2006, 11:21   #1
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Standard Das Tao Te King

Anmerkungen zu meiner Übertragung des Tao Te King
(Dao De Jing)

Viele Philologen haben sich an einer Übersetzung des Tao Te King versucht. Und keiner hat es unterlassen, darauf hinzuweisen, daß wirklich nur Fachleute dazu befähigt seien, eine Übersetzung zu liefern, die man auch ernst nehmen könne. Nur Fachleuten sei es möglich, den Text richtig zu interpretieren und eine Darlegung zu bieten, die dem tatsächlichen Inhalt auch wirklich entspricht, anstelle von Halbheiten, Mißverständnissen oder gar haltlosen Phantasien. Darüber habe ich oft nachgedacht.

Natürlich sind Fachleute erst einmal unentbehrlich, die die chinesischen Schriftzeichen des Originals überhaupt in unsere Sprache übertragen. Und zusätzlich sind wir bei historischen Texten auch auf die Kenntnis der Alt-Philologen angewiesen, die die Schriftzeichen im geschichtlichen Kontext richtig zu deuten vermögen. Doch nachdem ich die in deutsch vorliegenden Übersetzungen durchgesehen und auch gut zwanzig Interpretationsversuche selbsternannter Exegeten gelesen habe, sagt mein Gefühl, daß diese Übersetzungsversuche alle noch nicht der Weisheit letzten Schluß darstellen. Die einen lesen sich wie ungelenke Schreibversuche, die nicht zum Weiterlesen motivieren. Andere, meist ältere Werke, sind von ihren Formulierungen her völlig aus der Zeit gefallen und erschweren heute das Verstehen mehr, als es zu ermöglichen. Keine der Übertragungen ist so, wie es mir vorschwebt: Klar im Ausdruck, gut zu lesen und den Sinn über das unmittelbare Wort stellend.

Manchmal frage ich mich, ob eine wissenschaftliche Angehensweise nicht den Blick für den eigentlichen Sinn des Textes verstellt. Muß man für dieses Buch nicht ein Verständnis besitzen, das mit Fachwissen nichts zu tun hat? Muß man nicht über eigene meditative Erfahrungen verfügen, um die Tragweite und Bedeutung einzelner Stellen wirklich erfassen und angemessen wiedergeben zu können? Nicht jeder Alt-Philologe ist Philosoph (und selbst unter den Philosophen gibt es nur wenige, die den Bereich der Transzendenz aus eigener Erfahrung zu erfassen vermögen). Das Tao Te King ist nicht nur ein alter chinesischer Text, es ist auch nicht nur ein alter philosophischer Text – das Tao Te King zielt vielmehr inhaltlich auf jenes Letzte, auf die wahre Wirklichkeit, mit der sich alle großen Schriften der Menschheitsgeschichte befassen: Es ist die Sicht der Welt von höchster, unpersönlicher, transzendenter Warte.

Völlig falsch ist meiner Meinung nach das Bestreben von Übersetzern, eine deutsche Fassung in gleicher Kürze oder mit der gleichen Anzahl von Worten wiederzugeben: Das Chinesische hat eine gänzlich andere Sprachstruktur, ein solcher Ansatz ist reine Kopfgeburt! Ebenso unsinnig ist auch das Bemühen, das Tao Te King in gereimter Form wiederzugeben. Wenn auch der alte chinesische Text zum besseren Auswendiglernen teilweise lautgereimt war, so ist dies doch ein Effekt der chinesischen Sprache. Warum diesen Effekt nun auch in deutsche Übersetzungen hineinzwingen, was immer zu Lasten des trefflichsten Ausdrucks geht? Es kann ja nicht angehen, die Worte nach Wohlklang und Reim zu wählen. Beim Tao Te King geht es um ein Verstehen, nicht um Akustik.

Hinzu kommt außerdem, daß verschiedene Menschen ein und dieselbe Übersetzung in ganz unterschiedlicher Weise auffassen werden. Sprache ist nicht eindeutig. Unser persönlicher Verständnishintergrund und unser individueller Standpunkt zu den Dingen führt auch zu einem unterschiedlichen Sprachgebrauch. Der eine verbindet mit einem Wort einen bestimmten Inhalt, der nächste hat eine ganz andere Assoziation. Worte und Begriffe sind bei Menschen unterschiedlich belegt. Vor allem bei Worten, die Abstrakta betreffen. Über „Hund“, „Sonne“, „Haus“ ist noch schnell Einigkeit zu erzielen. Doch was ist mit Begriffen wie Sinn, Tugend, Urgrund oder Selbst? Jeder hat hierzu seine eigenen Vorstellungen und Gedanken, deren Verständnis zudem oft auch noch vom augenblicklichen Gefühl und Befinden beeinflusst wird. Bei einem solch stark subjektiven Verständnis der Worte ist es müßig, dort eine definitive Textversion erstellen zu wollen, wo es zudem ja auch gar nicht um die Worte an sich, sondern um ihren Bedeutungsinhalt geht.

So kann es nicht Ziel sein, eine einzige verbindliche Textversion zu erarbeiten. Die Arbeit der besten Philologen legt lediglich die Basis, um zum Verständnis des Inhalts zu gelangen. Dem unterschiedlichen Sprach- und Wortverständnis der Menschen auch verschiedene Übersetzungsversuche an die Hand zu geben, um durch deren Vielfalt eine Erfassung des Textsinns zu erleichtern und damit überhaupt erst zu ermöglichen, ist deshalb Sinn und Rechtfertigung jedes neuen Übertragungsversuchs. Eine persönliche Übertragung des Tao Te King ist deshalb legitim und sinnvoll. Und den größten Gewinn hat der Übertragende selbst, indem er sich mit dem Text intensiv auseinandersetzt, hier sein eigenes Verständnis sucht und ausformuliert. Was zählt es da, daß auch die von ihm gewählte, für ihn so treffend scheinende Formulierung für andere wieder befremdlich und unverständlich, ja sogar sinnentstellend wirken kann. Auch mir ist während der Übertragung sehr wohl bewußt geworden, daß ich den Worten meine Erfahrungen und meine Sicht der Welt unterstelle. So ist zwar keine Version der Weisheit letzter Schluß - aber doch zumindest einer der Schlüsse!

Unser Weltbild ist ein subjektives, alles Erkennen hängt vom Erkennenden ab, wir ahnen die Relativität unseres Wissens und wissen von unserer Fehlbarkeit. Ohne im Besitz der letzten Erkenntnis zu sein, erlaubt uns gerade der Mangel an beweisbar Richtigem, zu handeln und zu entscheiden. Die höchste Instanz liegt in uns. Das zu erkennen, ist Einsicht in die menschliche Gegebenheit. Und damit ein erster Schritt in Richtung auf Laotse.

Matthias Claus

Quelle:
Laotse und das Tao Te King

1
Was wir vom TAO sagen können, sind immer nur Worte;
mit welchen Begriffen wir es auch zu beschreiben versuchen,
all das bleibt letztendlich Äußerlichkeit.

Die Grundlage unseres Menschseins ist nicht mit unseren Worten formulierbar,
allem eine Bezeichnung zu geben, ist nur der Versuch der Menschen,
mit der Welt umzugehen.

Deshalb sage ich:
Das passive Meditieren ermöglicht ein Eindringen in jenes Geheimnis,
während das rationale Bedenken nur zu theoretischen Ansichten führt.
Obwohl sich beides um das gleiche dreht, liegt hierin doch der große Unterschied.

Dies ist die allem zugrundeliegende Wahrheit,
im Begreifen dieser Wahrheit liegt der Schlüssel zur letzten Erkenntnis.


2
Erst aus der Vorstellung von schön ergibt sich ein häßlich.
Erst mit der Festlegung des Guten ergibt sich der Gegensatz des Bösen.
So erschafft allein der Mensch die Gegensätze in der Welt.

Ein Schwer entsteht aus Leicht, Lang aus Kurz, Hoch aus Tief;
Manche Töne erscheinen harmonisch, andere nicht;
die Vorstellung eines Vorher erzwingt ein Nachher.
So begreift der Weise das Relative in allem und beurteilt deshalb nicht.
Er nimmt die Zustände hin, wie sie sich ihm zeigen.

So ist er tätig, ohne daß ihm an seinem konkreten Tun etwas liegt,
bewirkt er, ohne es gezielt zu wollen,
erreicht er, ohne es bewußt anzustreben.
Und weil es ihm nicht darauf ankommt,
gibt es für ihn auch kein Nicht-Ankommen, kein Mißlingen oder Versagen.


3
Indem man die Fähigen nicht übermäßig ehrt,
werden die Menschen nicht so schnell zu Strebern.
Indem man Luxusgüter als nichts Wesentliches bewertet,
kommt unter den Menschen weniger Neid auf.
Wenn es weniger gibt, das als besonders begehrenswert gilt,
bleiben die Menschen ruhiger und ausgeglichener.

Ein wirklich weiser Regent sorgt deshalb dafür,
daß sein Volk möglichst wenig Wünsche hat;
er befriedigt die Grundbedürfnisse,
weckt aber keine sonstigen Begierden.
Er macht die Menschen selbstgenügsam.
Er bemüht sich darum, daß die Menschen ohne Wissensdrang zufrieden sind
und daß auch die Gebildeten daran nichts ändern.

Der weise Regent orientiert sein Handeln also am TAO,
- womit alles getan ist.


4
TAO erscheint den Menschen oft widersprüchlich,
sie haben Schwierigkeiten, es rational zu erfassen.

Unergründlich wie die Weltentstehung, tiefgründig wie das Leben selbst.

Auch ich weiß nicht, wie es entstand, es war einfach immer da.


5
Himmel und Erde kennen nicht, was wir menschliches Empfinden nennen,
für die Natur spielen einzelne Belange gar keine Rolle.

Auch der Weise ist über das Menschliche hinausgewachsen,
das Menschliche ist für ihn unwichtig.

Bilden Himmel und Erde nicht ein endloses Fortbestehen?
Trotz ständiger Bewegung bleibt die Summe von allem gleich.

Anstatt vieler Wort und Taten
sollte man sich deshalb auf dieses Eigentliche besinnen.


6
Der Ursprung des Geistes ist unsterblich,
das heißt, er ist unvergänglich.

Durch sein Auftreten entsteht die ganze Welt.

Obwohl er unfassbar und immateriell ist,
wirkt er unleugbar immerfort.


7
Der Himmel ist dauerhaft und die Erde ewig, weil sie ohne jeden Eigenwillen sind.
Und weil sie ohne Eigenwillen sind,
bleiben sie auch bei jedem Wandel stets sie selbst und bestehen fort.

Der Weise reduziert seinen Eigenwillen
und kommt gerade deshalb in sich voran.

Er entledigt sich des Egos und gewinnt dadurch nur.

Weil er kein Eigeninteresse hat, nähert er sich dem wahren Selbst.


8
Das beste Verhalten gleicht dem des Wassers,
denn Wasser nützt allen Geschöpfen und bleibt doch uneigennützig.
Es begnügt sich mit Orten, die als nichts Besonderes angesehen werden
und ist gerade deshalb glaubhaft und unverdorben.

Das beste menschliche Verhalten ist anspruchslos nach außen
und wunschlos nach innen;
hingebend im Tätigsein und wahrhaftig im Reden;
ordnend im Führen und leistungsstark im Wirken;
gelassen im Tun.

Und nur, weil dieses Verhalten nichts anstrebt, ist es vollkommen.


9
Zwei Angelegenheiten zugleich tun,
sollte man von vornherein sein lassen.
Die Dinge übertreiben, ist unsinnig.
Vergängliches horten, hat keinen Bestand.
Auf Reichtum und Ehre stolz sein, führt von selbst zum Scheitern.

Sich bescheiden zurückziehen, wenn das Werk vollbracht ist
- das ist der richtige Weg.


10
Richtiges Begreifen und Verinnerlichen bewahrt vor geistiger Zerstreuung.
Innere Sammlung und Ausgeglichenheit
führen zu unkompliziertem Verhalten wie bei Kindern.
Wer meditierend immer tiefer in sich dringt,
wird von äußerer Ablenkung verschont.
Wer mit anderen wohlwollend umgeht,
hat wenig Arbeit mit ihnen.
Geben und Nehmen führen zu Verständnis,
Klarheit und Einfachheit machen Wissen und Bildung unnötig.

Gelange zu dieser Einsicht und bewahre sie;
erlange und gebrauche sie;
laß Deine Entwicklung zu, doch greife nicht mit Deinem Ego willentlich ein.

Das ist das richtige Verhalten.


11
Dreißig Speichen bilden ein Rad,
doch nur das Loch in ihrer Mitte verleiht dem Rad Brauchbarkeit.

Aus Ton formt man Töpfe und Krüge,
doch nur ihr Hohlraum macht sie nutzbar.

Man bricht Fenster und Türen in die Wände der Häuser,
und erst ihre Aussparung bringt dem Raum Wohnlichkeit.

So ist das Materielle immer nur äußere Voraussetzung
für den eigentlichen Nutzen des Immateriellen.


12
Was zu sehen ist, fasziniert die Augen der Menschen.
Was zu hören ist, betört die Ohren der Menschen.
Und was zu schmecken ist, reizt den Gaumen der Menschen.

Vielerlei unterschiedliches Tun und Streben
verwirrt und macht die Seele der Menschen unruhig.
Schwer zu erlangende Güter
erzeugen Sehnsüchte und Unzufriedenheit.

Der Weise kümmert sich deshalb um das Wesentliche,
nicht um das Sinnliche.

Er läßt das Äußere sein und wendet sich dem Inneren zu.


13
Gunst ist ebenso unangenehm wie Furcht,
denn:
Wem Gunst zukommt, der hat vorher gebangt, sie zu bekommen,
und wer Gunst genießt, hat wiederum Furcht, sie zu verlieren.

Würde ist ein ebenso großes Übel wie das Ego,
denn:
Um Würde zu empfinden, muß es ein Ego geben;
mein Ego ist aber der Anlaß für viele Übel.
Ohne Ego gäbe es keine Sorgen.

Deshalb sage ich:
Wer sein Ego nicht voranstellt, den kann man zum Führer machen;
wer trotz des Weltlichen nicht dem eigenen Ego verfällt,
dem kann man getrost die Führung anvertrauen.


14
Durch Sehen kann es nicht erkannt werden – nennen wir es somit unsichtbar.
Durch Lauschen kann es nicht gehört werden – nennen wir es somit unbemerkbar.
Durch Greifen kann es nicht erfasst werden – nennen wir es somit unfassbar.

Diese drei Eigenschaften sind letztendlich nur drei Aspekte der gleichen Sache,
sie hängen untrennbar zusammen und bilden das Unergründliche.

Es unterliegt nicht den physikalischen Gesetzen,
es hat keine irgendgearteten Eigenschaften und ist deshalb für uns nicht vorstellbar.
Es besteht ohne Existenz, ist die Grundlage jeder Form, die Grundlage von allem.
Es ist unfaßbar und unbegreiflich.
Geht man auf es zu, kann man es trotzdem nicht besser erkennen;
folgt man ihm nach, so ist da nichts, dem zu folgen wäre.

Es zu erfassen, hieße die Welt zu erkennen und ihren Ursprung zu begreifen.
Das wäre TAO.


15
Die Weisen des Altertums besaßen tiefe Einsicht und wahres Verständnis,
so tief, daß sie für die meisten Menschen unverständlich blieben.
Und weil ihr Verhalten nur schwer verständlich zu machen ist, will ich es mit Bildern umschreiben:

Sie waren so umsichtig, wie beim Überqueren eines zugefrorenen Flusses;
so aufmerksam, als lauerte überall Gefahr;
so zurückhaltend, wie sehr höfliche Gäste;
so nachgiebig, wie tauendes Eis;
so unscheinbar, wie einfache Menschen;
so aufnahmefähig, wie die Weite eines Tales;
so unergründlich, wie trübes Wasser.

Wer ist heutzutage so weise, das zu verstehen?
Wer vermag dies Unverständliche zu begreifen?

Wer es vermag, hat keine unerfüllten Wünsche mehr
und mit dieser Wunschlosigkeit ist er ans Ziel gelangt.


16
Leere deinen Geist bis zum Äußersten und bewahre die verbleibende Stille.
Das Geschehen der Welt ist um mich herum, doch ich sehe in allem nur ihr Symbol.
Alles läßt sich auf seine eigentlichen Ursprünge zurückführen,
diese (meditative) Rückführung führt zu Stille und Besinnung.

Diese Besinnung führt zum alleinig Beständigen;
das zu begreifen, bedeutete Vollendung.
Das Nicht-Begreifen dieser Wahrheit
führt im tagtäglichen Leben nur zu Unzufriedenheit.

Wer diese Wahrheit begreift, ist voller Verständnis;
der Verständnisvolle ist nachsichtig;
der Nachsichtige ist hochstehend;
der Hochstehende ist weise;
der Weise ist auf dem rechten Weg;
nur der rechte Weg ist letztendlich der beständige.

Das irdische Sein hat dann keine Bedeutung mehr.


17
Die besten Herrscher sind dem Volk fast nicht bewußt.
Die nächstbesten werden geliebt und verehrt.
Darunter die werden gefürchtet.
Und die schlechtesten werden gehaßt.

Werden dem Volk keine Werte vermittelt,
so können sich diese Werte auch nicht durchsetzen.

Die weisen Herrscher sprachen bedacht; sie bewirkten Verdienstvolles.
Und die Menschen meinten, es käme von ihnen selbst.


18
Als die Menschen vom weisen Idealzustand abkamen,
bildeten sich als Ersatz Sitten und Gesetze;
als Intelligenz und Gelehrsamkeit aufkam,
entstand auch Kalkül und Spitzfindigkeit;
als dann die Verhaltensregeln innerhalb der Verwandtschaft verfielen,
mußte man Kindesgehorsam und Elternautorität einführen;
als schließlich die ganze Gesellschaft des Reiches in Unordnung geriet,
half nur noch Untertanenpflicht und Regierungsgewalt.


19
Laßt Wissen und Klugheit sein
- und die Menschen werden mannigfachen Nutzen davon haben.
Verzichtet auf Sitte und Moral
- und die Menschen finden zum natürlichen Verhalten zurück.
Fort mit Cleverness und Profit
- und es wird keine Betrüger mehr geben.

Doch die Einsicht allein reicht nicht aus, sie muß auch umgesetzt und gelebt werden.

Lebe möglichst einfach und bescheiden,
sei uneigennützig
und reduziere Deine Wünsche!


20
Gebt das Faktenwissen auf, ihr werdet es nicht bereuen.
All die Unterscheidungen und Definitionen
sind eher Spitzfindigkeiten und nur von relativer Wichtigkeit.
Gut und böse – selbst darüber gehen die Meinungen ja noch auseinander!

Kein fester Halt – wohin ich auch blicke.
Die meisten Menschen leben unbeschwert vor sich hin,
ich aber verharre tatenlos und ohne Emotion.

Lethargisch – ohne jede Veranlassung zu handeln.
Die Menschen sind sehr ausgelassen? - ich aber erscheine einfältig.
Die Menschen sind lebhaft - ich erscheine wie gelähmt.
Den Menschen ist alles klar – mir scheint nichts eindeutig.

Die Menschen haben ihre Gründe, gegen sie erscheine ich unverständlich.

Ich bin anders als sie. Ich halte mich nur an das Selbst.


21
Das beste Verhalten besteht darin, dem TAO zu folgen.

Sich eine Vorstellung vom TAO zu machen, ist schwierig,
es ist nicht greifbar und kann nur intuitiv begriffen werden.

Aus ihm kommt alles, woraus wir Menschen unsere Vorstellungsbilder schaffen;
aus ihm kommt alles, was wir Menschen zu Begriffen formen;
aus ihm kommt alles, was überhaupt unserem Bewußtsein entspringt.

Unser Bewußtsein ist unsere Grundlage
und seine Fähigkeit die Voraussetzung, alles zu begreifen.

Woher ich das weiß? Aus intuitiver Schau.


22
Aus noch Unvollkommenem kann sich Vollkommenes entwickeln;
was gebeugt wurde, hat Potential, sich aufzurichten;
was leer ist, kann sich füllen
und das Verbrauchte steht zur Erneuerung an.

Wo ein Zuwenig herrscht, wird hinzugefügt;
wo ein Zuviel besteht, wird weggenommen.
So besinnt sich der Weise auf das Wesentliche und ist dem Volk dadurch ein Vorbild.

Er ist bescheiden und wird gerade dafür verehrt;
er ist selbstgenügsam und gerade dadurch glaubwürdig;
er ist uneigennützig und gerade dadurch erfolgreich;
er ist nicht eitel und darin zeigt sich seine charakterliche Größe.

Da er mit anderen nicht in Konflikt liegt, liegen auch andere mit ihm nicht in Konflikt.
Was man früher mit dem Spruch „Das Unvollkommene ist das Vollkommene“
meinte, war also kein dummes Gerede!
In Wirklichkeit steckt gerade hierin die volle Wahrheit.


23
Ein Gleichnis soll das Weitere verständlich machen:
Ein Sturm weht keinen ganzen Morgen
und ein Platzregen dauert nicht den ganzen Tag.
Wenn aber schon Himmel und Erde so wechselhaft sind,
um wieviel mehr erst der kleine schwache Mensch.

Nur wer sich dem TAO widmet, wird mit Hilfe von TAO sein Ziel erreichen;
nur wer sich entsprechend dem natürlichen Gang der Dinge verhält,
wird dadurch erfolgreich sein;
wer sich aber von Beliebigkeiten leiten läßt,
wird als Ergebnis auch nur beliebig werden.

So bringt TAO Erfolg,
der natürliche Gang der Dinge Zufriedenheit,
sich gegenteilig zu verhalten aber die Verderbnis.

Jedem ergeht es so, wie er sich verhält.


24
Wer sich auf Zehenspitzen stellt,
ist deshalb noch lange nicht groß.
Wer gewichtig und mit breiten Schritten geht,
ist deshalb noch lange nicht bedeutend.
Wer sich selbst wichtig nimmt,
ist deshalb für andere noch lange nicht kompetent.
Wer sich selbst Recht gibt, hat es deshalb aber noch nicht.
Wer sich selbst lobt, verdient Lob vielleicht gerade deshalb nicht.
Wer zu selbstgefällig ist, hat das Wesentliche nicht erkannt.

Aus dem Blickwinkel des TAO heißt dies: Überheblichkeit und Irren.
Intuitiv lehnen die Menschen ein solches Verhalten ab.

Wem es um das Wesentliche geht, der wird sich anders verhalten.


25
Ein Urzustand liegt allem zugrunde. Alleinig. Gestaltlos. Wesenlos.
Trotz seiner Unvergänglichkeit beinhaltet er ständigen Wandel.
Er ist die Grundlage von allem.
Da es keine Bezeichnung für ihn gibt, nenne ich es TAO.
Müßte ich es näher bezeichnen, würde ich „allumfassend“ sagen.
Allumfassend beinhaltet aber auch: Veränderung.
Veränderung bedeutet: Entstehen und Vergehen.

Der Urzustand ist allumfassend, der Himmel ist weitreichend,
die Erde ist groß und die Menschenführer sind mächtig.
So gibt es Größe von unterschiedlicher Kategorie,
die Größe der Menschenführer ist da relativ.
Die Menschenführer unterstehen dem Gesetz der Erde,
die Erde dem Himmel,
der Himmel untersteht den Gesetzen des TAO.
TAO aber ist die letzte Instanz.


26
Wer das Grundlegende begriffen hat,
meidet erst recht das Nebensächliche;
wer sich mit sich selbst auseinandersetzt, besteht auch in der Welt.

Deshalb kann der Weise den ganzen Tag handeln,
ohne daß es ihm zuviel wird
und obwohl vielerlei Ablenkungen auf ihn einstürzen,
bleibt er gelassen und beachtet sie nicht.

Was passiert aber, wenn ein Herrscher seine eigenen Interessen
über die seines Reiches stellt?
Dann verliert er wegen des Persönlichen das Grundlegende aus den Augen;
und wegen dem Weltlichen verliert er seine beherrschende Stellung.


27
Wer richtig gehen kann, hinterlässt keine auffälligen Spuren.
Wer recht zu reden versteht, ist überzeugend.
Und wer wirklich gut rechnen kann, benötigt kein Rechengeräte.

Was richtig geschlossen wurde, kann nicht geöffnet werden;
was richtig vertäut ist, lässt sich nicht lösen.
So hilft auch der Weise den Menschen, ohne irgendwen zu übergehen.
Er kümmert sich um alles gleichermaßen,
das zeugt von großer Erkenntnis.

So sollte der Bessere stets der Lehrer des weniger Guten sein
und der weniger Gute der Schüler des Besseren.
Wer den Lehrer nicht achtet und den Schüler nicht ernst nimmt,
macht einen Fehler.

Das ist etwas ganz Grundlegendes.


28
Wer seine Stärke kennt, doch nachgiebig bleibt,
der kann der Welt als Vorbild dienen.
Stets ein Vorbild zu sein, ist das richtige Verhalten,
so bleibt man natürlich und unverdorben.

Die Erkenntnis besitzen und doch zurückhaltend bleiben,
so ist man ein Vorbild für die Welt.
Stets dieses Verhalten zu wahren, führt zur vollkommenen Weisheit.
Von seiner Weisheit zu wissen, sie aber nicht herauszustellen,
auch das ist ein Aspekt des Vorbildlichen.
Ist man stets so, so hat man sein Ziel erreicht.

Im öffentlichen Leben sollen nur die Guten Beamte des Staates sein
und von einem Weisen gelenkt werden.
Das richtige Regieren ist lenkend, nicht zwingend.


29
Wer in der Welt etwas erobern will,
wird es nicht schaffen,
denn die Welt ist in Wirklichkeit nicht das Materielle.

Wer nur das Äußere verändert, scheitert ebenso wie der,
der am Äußeren haftet.

Das eine bestimmt, das andere folgt;
das eine ist formend, das andere wird geformt;
das eine setzt sich durch, das andere unterliegt.
Deshalb ist das Handeln des Weisen nicht bestimmt
von Wollen, Müssen, Haben.


30
Die Untertanen sollten dem Herrscher aus Überzeugung folgen,
nicht aus Furcht vor seiner Macht und Gewalt,
denn all das kann sich auch schnell gegen ihn selbst wenden.
Wo Heere entlanggezogen sind, da wächst lange Zeit nur Dornengestrüpp
und auch gewonnenen Kriegen folgt stets die große Not.

Der gute Führer weiß sich stets zu mäßigen
und greift nicht leichtfertig zur Gewalt.
Er siegt ohne Stolz, gewinnt ohne zu triumphieren
und herrscht ohne jede Überheblichkeit.
Nur gezwungenermaßen siegt er, nicht, um selber zu zwingen.
Nach jedem Aufstieg folgt ein Niedergang.

Dem Lauf des TAO zuwiderzuhandeln, führt zu raschem Verfall.


31
Selbst die besten Waffen sind Werkzeuge des Unheils,
deshalb werden sie von allen Menschen verabscheut.
Kein Weiser gibt sich mit ihnen ab.
Im normalen Leben ist für den Weisen die linke (Herz)Seite die richtige,
nur wenn er zur Waffe greifen muß, ist die starke rechte die zweckmäßige.
Waffen sind Geräte des Unheils und keines Weisen würdig,
nur im Notfall greift er auf sie zurück.
Friede und Nachsinnen sind ihm das Wichtigste.
Er siegt, doch er freut sich nicht darüber,
denn freute er sich darüber, so wäre es Freude am Menschentöten.
Wer aber Freude am Menschentöten empfindet,
der verbessert die Welt nicht.

Einsicht und Güte haben ihren Platz auf der linken Seite,
Trauer und Leid stehen traditionsgemäß rechts.
Die Untergebenen stehen links, der Befehlshaber rechts,
so ist es auch bei einer Trauerfeier.
Wenn im Krieg also viele Menschen getötet werden,
so beweine man diese voller Trauer
und der rechte Sieger geht still und in sich gekehrt, wie auf einer Trauerfeier.


32
TAO ist so grundlegend,
daß es der Mensch nicht erfassen kann.
Könnten es die Könige und Fürsten umsetzen und anwenden,
würden sich alle Menschen ihren Geboten freiwillig unterordnen;
Himmel und Erde würden sich zum Paradies zusammenschließen
und die Menschen würden ohne Regierung einträchtig zusammenleben.

Wenn man das unaussprechliche TAO zu formulieren versucht,
muß man sich darüber klar sein, daß die Worte reine Hilfsmittel sind.
Ist man sich dessen bewußt, so ist schon viel erreicht.

Für die Welt ist TAO so grundlegend,
wie das Meer, zu dem jegliches Wasser auf der Erde seinen Weg nimmt.


33
Wer die anderen Menschen gut kennt, ist klug,
wer sich aber selber kennt, ist weise!

Wer die anderen Menschen bezwingt, ist mächtig,
wer sich aber selber bezwingt, ist wahrhaft groß!

Wer mit Kraft voranschreitet, hat Willen,
wer aber weiß, wann es genug ist, hat Einsicht!

Wer seinen Platz behaupten kann, ist dauerhaft,
wer aber über den Tod hinaus in Erinnerung bleibt, ist unsterblich.


34
TAO ist allgegenwärtig, grundlegend.
Alles basiert darauf, nichts steht außerhalb,
alles geschieht darin, nichts ohne es.

Es ist immerdar, aber ohne Eigeninteresse,
bezogen auf den Menschen würde das Einfältigkeit bedeuten.

Alles untersteht ihm, doch es beherrscht nicht,
bezogen auf den Menschen zeugte das von wahrer Größe.

Und weil TAO all das nie für sich selbst nutzt,
zeigt sich darin seine absolute Größe.


35
Kann man das Große Eine erfassen,
erfährt man Zufriedenheit und Ausgeglichenheit.

Die Eindrücke unserer Sinne beschäftigen uns sehr,
während TAO weder den Gaumen verführt,
noch dem suchenden Auge etwas bietet,
noch den lauschenden Ohren etwas sagt.

Wendet man es aber im Leben an,
so ist es mannigfaltig und unerschöpflich.


36
Was kleiner wird, war wohl zu groß;
was schwächer wird, war einst zu kräftig;
was stürzt, war sicherlich unangemessen hoch
und was abnimmt, war anscheinend vorher zuviel.
So kann man aus allem Geschehen seine Rückschlüsse ziehen.

Nachgiebigkeit und vermeintliche Schwäche
setzen sich letztendlich doch gegenüber
Unnachgiebigkeit und bloßer Stärke durch.

Dem Fisch geht es am besten,
wenn er ungestört in seinem Element verbleibt.
Und auch der Herrscher sollte sein Volk
nicht mit den Möglichkeiten seiner Macht erschrecken.


37
Obwohl TAO nicht tätig ist, wird doch alles durch es bewirkt.
Könnten sich Könige und Fürsten so verhalten,
dann würde sich in ihrem Reich alles von selbst zum Besten ergeben.
Und wenn sich bei den Menschen Wünsche und Begierden regten,
so würde die Einsicht in das TAO deren Lösung bewirken.

Wo Wünsche nicht entstehen, besteht Zufriedenheit
- und die Welt befände sich in großer Harmonie.


38
Das ideale Verhalten ist selbstlos, deshalb nennen wir es eine Tugend.
Was jedoch landläufig unter Tugend verstanden wird, ist bewußt tugendhaft,
d.h. man achtet darauf, tugendhaft zu sein.
Ideales Verhalten handelt absichtslos, aus sich heraus;
die landläufige Tugend handelt sehr bewußt, um ihretwillen.

Humanität handelt bewußt, um der Sache willen.
Rechtsprechung handelt, um eines Prinzips willen.
Und Moral verlangt schließlich sogar, daß man sich ihr unterwirft.

Ist TAO nicht zu erlangen, so bleibt doch edles Verhalten;
geht das edle Verhalten verloren, so ergibt sich Humanität;
geht auch die Humanität verloren, bleibt Rechtsprechung übrig,
und geht auch die noch verloren,
kommt es schließlich zu irgendeiner Moral.

Moral ist somit nur noch ein Abglanz von edlem Verhalten
und damit eher etwas Negatives.
Deshalb folgt der Weise seiner inneren Stimme und nicht äußeren Geboten.
Er hält sich an seine Innerlichkeit, nicht an Äußerlichkeiten.
Dem Inneren folgt er. Das Äußere läßt er.


39
In sich ruhend ist der Himmel, deshalb ist er so erhaben;
in sich ruhend ist die Erde, deshalb ist sie so fest;
beständig sind die Seelen, deshalb sind sie so mächtig;
beständig ist der Quellgrund, deshalb ist er so tief;
begründet sind die Geschöpfe, deshalb haben sie Leben;
begründet sind Fürsten und Könige, deshalb wurden sie Fürsten und Könige.

Würde der Himmel nicht in sich ruhen, würde er zusammenstürzen;
würde die Erde nicht in sich ruhen, würde sie zerbrechen;
wären die Seelen nicht beständig, wären sie nicht von Dauer;
wäre der Quellgrund nicht beständig, würde er versiegen;
würden die Geschöpfe nicht auf etwas gründen, würden sie zugrundegehen;
würden Fürsten und Könige nicht auf etwas gründen, würden sie gestürzt werden.

Alles Große wurzelt also im Grundlegenden, Einfachen.
Deshalb kann sich ein Landesherr oder Regent durchaus
als einfach und unbedeutend bezeichnen, denn auch seine Größe
basiert nur auf der gleichen Grundlage wie alles andere.
So besitzen auch die Bedeutenden letztendlich nicht mehr.
Deshalb sollte man nicht versuchen, wie ein Edelstein zu funkeln,
sondern für sich lieber das Bild eines einfachen Kieselsteins akzeptieren.


40
Alles entsteht aus einem Wechselspiel der Gegensätze.
denn alle Gegensätze bilden in Wirklichkeit nur eine Einheit.
Alles fließt - und wandelt sich ineinander um.

Die äußere Welt entsteht aus der inneren
und die innere entsteht aus der gleichen Täuschung wie die äußere.


41
Der wirklich Weise erfasst TAO und lebt danach;
der Gebildete probiert sich am TAO - mit wechselndem Erfolg;
der Unwissende aber hört nur vom TAO und macht sich darüber lustig.
Denn er muß darüber lachen, weil es ihm völlig unverständlich bleibt.

Deshalb sage ich:
Der wahrhaft Weise bleibt für die Welt stets unverständlich;
wer innerlich fortschreitet, erscheint oft rückschrittlich;
das in sich Stimmige scheint trotzdem widersprüchlich.
Die erhabenste Gesinnung kann von anderen kaum nachvollzogen werden;
wer unverfälscht bleibt, wirkt einfältig und dumm;
bewußtes Verhalten erscheint anderen ungenügend;
das bedachte Handeln erscheint anderen seltsam;
innere Gewissheit kann anderen inkonsequent erscheinen.

Das Unergründliche gleicht
- einem unendlichen Viereck ohne Ecken;
- einem unendlichen Gefäß, das nichts fasst;
- einem Laut von unendlicher Schwingung, den man nicht hört;
- einem Bild von unendlicher Größe, das nicht erkannt werden kann.

TAO ist unerfassbar.
Aus TAO entsteht alles, außer TAO existiert nichts.


42
Egal was man begrifflich auch als das Erste annimmt,
als Zweites ergibt sich schon automatisch sein Gegenteil,
durch diese Dualität geht der Urzustand der Einheit verloren
und es entsteht die unendliche Vielfalt der Welt.

Alle Geschöpfe tragen gegensätzliche Aspekte in sich,
deren Wechselspiel sie erst mit Leben erfüllt.
Was die Menschen meiden, ist einsam, verwaist und unbedeutend zu sein
und doch wenden Könige und Fürsten diese Worte
im tieferen Sinne auf sich selber an.
Denn manches nimmt zu, wenn man es reduziert
und manches nimmt ab, wenn man hinzufügt.

Was andere schon wußten, lehre auch ich:
Das Gewalttätige findet ein frühes Ende.
Dies ist meine Erkenntnis.


43
Die Veränderung siegt immer über das Bestehende.
Die Gegensätze sind in Wirklichkeit zusammenhängend.

Deshalb weiß ich:
Der Verzicht auf absichtsvolles Handeln bringt trotzdem Gewinn.

Belehrung ohne Worte, Vollendung ohne Tun,
das erreichen nur sehr wenige in dieser Welt.


44
Die Familienhierarchie oder unsere Individualität - was bedeutet uns mehr?
Innere oder äußere Güter - was ist uns wichtiger?
Gewinn des einen oder Verlust des anderen - was schmerzt uns mehr?

Wer zu sehr an etwas hängt, dessen Verhängnis kann es werden.
Wer Wert auf Besitz legt, kann ihn letztendlich doch nur verlieren.

Wer in allem das rechte Maß bewahrt, macht es richtig.
Wer seine Möglichkeiten kennt, kommt nicht in Gefahr.

So erreicht man Dauerhaftigkeit.


45
Das Grundlegende wird am leichtesten übersehen,
doch entsteht alles nur aus ihm.
Die Vollkommenheit erscheint wie Leere,
doch ist sie unerschöpflich.

Das Folgerichtige erscheint als abwegig;
das Geniale wie Verrücktheit;
das Weise wie Dummheit.

Durch Bewegung überwindet man Kälte.
Mit Ruhe tritt man der Hitze entgegen.

Rechtschaffenheit und Besinnung bringt die Welt ins Lot.
46
Wenn die Welt mit TAO in Einklang lebt,
dienen Pferde nur in der Landwirtschaft;
ist die Welt nicht im Einklang,
dienen sie zur Kriegsführung.

Es gibt kein größeres Übel, als Mangel an Zufriedenheit.
Es gibt kein größeres Unglück, als Maßlosigkeit.
Es gibt kein größeres Unheil, als Streben nach Besitz.

Nur wer begriffen hat, was das rechte Maß ist,
hat immer ausreichend.


47
Ohne aus der Tür zu treten, erkenne ich die Welt.
Ohne aus dem Fenster zu blicken, erfasse ich den Lauf der Dinge.

Je mehr man sich mit dem Weltlichen beschäftigt,
um so mehr kommt man vom Wesentlichen ab.

Deshalb weiß der Weise auch ohne Bildung,
er erreicht ohne Anstrengung und mühelos die Vollendung.


48
Wem es um Wissenserwerb geht, baut täglich mehr und mehr auf.
Wer sich um TAO kümmert, baut täglich mehr und mehr ab.
Durch Letzteres gelangt man zur Einsicht,
daß nichts zu tun bleibt.

Man erreicht alles, indem man nichts anstrebt.
Sobald man etwas anstrebt, hat man das Wichtigste verloren.


49
Der Weise hat kein ausgeprägtes Ego,
was ihn auszeichnet, ist Bestandteil aller Menschen.

Dem Guten ist er gut, dem Nichtguten ist er auch gut,
denn Güte ist seine grundlegende Eigenschaft.
Dem Ehrlichen vertraut er, dem Unehrlichen vertraut er auch,
denn Vertrauen ist seine grundlegende Eigenschaft.

Der Weise lebt zurückgezogen und schweigsam unter den Menschen.
Die Menschen begreifen ihn sehr wohl als Leitfigur,
und für ihn sind sie alle nur Anzuleitende.


50
Geboren werden und sterben gehören untrennbar zusammen.
Von zehn Menschen suchen drei den Sinn im Leben,
drei suchen den Sinn im Leben danach
und andere drei ruinieren ihr Leben allein schon durch ihre Suche.
Was das heißen soll?
Den Sinn im äußeren Leben zu suchen, ist letztendlich die Ursache allen Scheiterns.

Der eine aber, der sein Leben richtig zu leben versteht,
durchzieht das Land, ohne sich vor wilden Tieren schützen zu müssen.
Und er muß sich auch nicht gegen Angreifer verteidigen.
Denn das Nashorn findet keinen Ansatz, um in aufzuspießen,
der Tiger keinen Ansatz für seine Krallen
und Waffen keinen Ansatz, ihn zu töten.
Wie das sein kann?
Weil der Weise die menschlichen Bedingtheiten überwunden hat.


51
TAO erschafft sie, TE erhält sie,
die Welt formt sie und ihr Eigenwille vollendet sie schließlich.
So wissen alle Lebewesen ihren eigentlichen Ursprung zu schätzen,
von dem sie ohne Gegenleistung alles erhalten haben.
TAO erschafft sie, TE erhält sie,
läßt sie wachsen, gedeihen, reifen und Früchte tragen.

Der Weise verhält sich ebenso,
er läßt den Dingen ihren Lauf und erzwingt nichts,
er handelt, ohne etwas dafür zu verlangen,
er fördert und schützt, ohne zu beherrschen.
Das nennt man xuán dé - das tiefgründige TE.


52
Die Welt hat einen Ursprung, so wie jeder Mensch eine Mutter.
Wer seine Mutter erkennt, begreift, daß er von ihr abstammt.
Wer das erkennt, besinnt sich auch wieder
auf seinen eigentlichen Ursprung zurück;
im Ursprung gefährdet ihn der Tod nicht mehr.

Wer die Sinneseindrücke reduziert und sich besinnt,
ist weniger abhängig vom Leiblichen.
Wer sich aber den Sinneseindrücken hingibt
und nur seinen persönlichen Interessen nachgeht,
verliert sich an die vergängliche Welt.

Wer seine eigene relative Größe innerhalb des Ganzen erkennt, ist weise.
Wer flexibel ist und auf Gegebenheiten einzugehen vermag, ist fähig.

Diese Erkenntnis anzuwenden, das bedeutet: Unsterblichkeit.


53
Alle meine Erfahrungen haben mich gelehrt:
Es kommt nur darauf an, vom wahren Weg des TAO nicht abzukommen.

Der Weg des TAO ist sehr geradlinig,
aber die Menschen verhalten sich meist abwegig.
Die Häuser stehen prächtig da,
aber die Felder sind schlecht bestellt und die Scheunen leer.
Die Menschen lieben schöne Kleidung und scharfe Schwerter,
sie schwelgen im Essen und Trinken, horten Güter und Besitz,
doch das ist alles unrechtmäßig
und stellt nichts Bleibendes dar.


54
Was solide errichtet wird, hat Bestand;
was immer in Ordnung gehalten wird, verfällt nicht.
Die eine Generation gibt es an die nächste weiter.
Pflegt man es an sich selbst, bewahrheitet man es damit.
Pflegt man es in seiner Familie, so sorgt man damit dafür,
daß es sich weiter vermehrt.
Pflegt man es in seinem Dorf, so macht man es dauerhaft.
Pflegte man es in der ganzen Welt, so machte man es allgegenwärtig.

Deshalb beurteile andere Menschen an dem, was Du bist;
beurteile andere Haushalte an Deinem eigenen Haushalt;
beurteile andere Dörfer an Deinem eigenen Dorf;
beurteile andere Staaten am Zustand Deines eigenen Staates
und den Zustand der Welt am Zustand des Reiches, in dem Du lebst.
Woher ich das weiß? - Das ergibt sich doch aus sich selbst.


55
Die richtige Einstellung ist so, wie bei einem kleinen Kind:
Es fürchtet sich nicht vor giftigem Getier
und auch nicht vor den Krallen wilder Tiere.
Es hat noch weiche Knochen und zarte Sehnen,
aber kann trotzdem schon fest zupacken.
Es weiß noch nichts von den Trieben,
aber alles ist schon fertig veranlagt, so wie es sein soll.
Es kann den ganzen Tag schreien, ohne heiser zu werden,
so hat es die natürliche Ordnung eingerichtet.

Sich nach der natürlichen Ordnung zu richten, führt zu Beständigkeit.
Beständigkeit zu pflegen, führt zu Erleuchtung.

Sich um das äußere Leben zu kümmern, wird Glück genannt;
mit seinem Willen die Dinge zu bezwingen, wird Stärke genannt;
doch beides ist nur vorübergehend.

Alles Vorübergehende endet schnell.


56
Wer die Erkenntnis besitzt, hat wenig Bedürfnis zu reden;
wer viel redet, hat noch keine Erkenntnis.

Der Weise schweigt, wendet sich nach innen,
reduziert seinen Willen, klärt seine Gedanken,
begrenzt sein Ego und hält sich im Hintergrund.

Das heißt, sich wieder dem Ursprünglichen zuzuwenden.

Dann können ihn Liebe und Haß nicht berühren,
Gewinn und Verlust nicht treffen,
Ehre und Schmach nichts anhaben.

Deshalb wird er von allen geachtet und verehrt.


57
Durch Rechtschaffenheit regiere man ein Land,
mit Zurückhaltung führe man ein Heer,
doch nur durch Uneigennützigkeit gewinnt man ein Reich.
Woher ich das weiß? Das ergibt sich doch von selbst.

Je mehr Beschränkungen und Verbote bestehen,
um so schlechter wird es dem Volk ergehen.
Lebt das Volk im Überfluß,
verlieren Staat und Familie das rechte Maß.

Mit Schlauheit und Erfindungsgabe kommen wunderliche Dinge auf
und je schärfer Verbote und Gesetze werden,
um so mehr Gesetzesbrecher gibt es.

Deshalb sagt sich der Weise:
Ich greife nicht ein - und die Dinge nehmen ihren natürlichen Lauf;
ich verhalte mich ruhig - und auch das Volk kommt zur Ruhe;
ich verfolge keine Eigeninteressen - und dadurch geht es allen gut;
ich bin wunschlos zufrieden
- und auch das Volk wird wieder zur rechten einfachen Art zurückfinden.


58
Eine Verwaltung, die man nicht merkt,
ist zum Vorteil des Volkes.
Eine Verwaltung, die alles beherrscht und reglementiert,
ist eine Last für das Volk.
Das Glück des einen beruht oft auf dem Unglück des anderen.
In jedem Glück steckt deshalb auch Unglück.
Was lernen wir daraus?

Ordnung verkehrt sich in Unordnung;
Gutes schlägt in Schlechtes um
und die Menschen kommen jeden Tag mehr vom rechten Weg ab.

Der Weise ist aufrichtig, doch nie verletzend;
direkt, doch nie brüskierend;
er ist ein Vorbild, ohne Widerstand hervorzurufen.


59
Um Menschen bestmöglich zu regieren,
ist nichts wichtiger als Bedachtsamkeit.
Denn Bedachtsamkeit führt zu Aufmerksamkeit;
Aufmerksamkeit führt zu Umsichtigkeit;
Umsichtigkeit führt zu Überlegenheit;
Überlegenheit führt zu Unüberwindlichkeit
und wer unüberwindlich ist, hat die Befähigung, ein Land zu regieren.

Wer also das Land repräsentiert und fest in ihm verwurzelt ist,
der verkörpert die Beständigkeit.
Er hat das Wesentliche erkannt und verhält sich dementsprechend.


60
Man sollte auch ein großes Land so regieren,
wie man kleine Fische brät: Umsichtig!

Wer auf die richtige Art regiert,
dem kommt nichts dazwischen.
Nicht, daß es keine Probleme gäbe,
aber sie führen nicht zu ernsthaften Schwierigkeiten.

So, wie auch der Weise nie Schwierigkeiten hat:
Wo keine gegenteiligen Interessen aufeinanderstoßen,
kann es auch keine Interessenskonflikte geben.


61
Große Staaten sollten die Grundlage bilden für den Zusammenhalt der Völker.
Das Dauerhafte siegt durch seine Beständigkeit stets über den Augenblick.
Das Beständige ist die dauerhafte Grundlage.

Wenn große Staaten kleinen Staaten eine Grundlage geben,
gewinnen sie die kleinen Staaten.
Wenn kleine Staaten in großen Staaten eine Grundlage sehen,
so lassen sie sich von den großen Staaten gewinnen.
So gewinnt der eine hinzu, indem er etwas gibt
und der andere gewinnt, indem er etwas erhält.

Absicht der großen Staaten sollte es sein,
den Völkern zu helfen und sie zu fördern.
Den kleinen Staaten fällt es zu,
sich dem anzuschließen und das zu unterstützen.
So erreichen alle ihr Ziel.

Alles Große muß deshalb für anderes eine Grundlage bieten.


62
TAO wird von allen Geschöpfen verehrt:
Es bildet einen Schatz für die Fähigen
und Hoffnung für die Unfähigen.

Treffende Worte können manches bewirken,
doch nur edle Taten helfen den Menschen wirklich weiter.
Ist es aber edel, die Unfähigen zu verwerfen?
Um sie richtig anzuleiten, dafür werden Herrscher und Staatsmänner eingesetzt.
Des Herrschers Würde und der Staatsmänner Pracht
bewirken aber allein noch nichts;
erst das richtige Verständnis vom TAO führt zur Wirkung.

Warum verehren die Menschen das TAO seit altersher?
Weil jeder, der es sucht, das Wesentliche findet
und wer gefehlt hat, einen neuen Weg gewiesen bekommt.
Deshalb schätzt man es allerorts.


63
Handele immer nur angemessen,
wirke in allem immer uneigennützig,
laß Dich von Deinen Sinnen nicht verführen.

Erkenne das Prinzip schon in den Details,
begreife das Grundlegende in den Erscheinungen,
bleibe Unangenehmem gegenüber gelassen.

Erledige das Schwere beizeiten, so lange es noch leicht ist;
gehe das Große an, indem Du im Kleinen beginnst.
Denn alles Schwierige erwächst aus Einfachem
und alles Große entsteht aus Kleinem.

Weil der Weise also nicht gleich versucht, Großes zu schaffen,
gerade deshalb ist ihm das Große möglich.

Wer leichtfertig Versprechen abgibt,
dem wird es schwerfallen, sie auch einzuhalten;
wer voreilig handelt, wird dadurch Schwierigkeiten bekommen.

Der Weise greift deshalb alles umsichtig und ernst auf
und entgeht so allen ernsthaften Schwierigkeiten.


64
Was sich noch friedlich verhält, kann leichter gebändigt werden;
was noch in den Anfängen steckt, ist leichter zu lenken;
was noch schwach ist, kann leicher abgebogen werden;
was noch nicht eingetreten ist, dem kann leichter vorgebeugt werden.

Deshalb sollte man schon früh bedenken, was später kommen könnte,
und rechtzeitig vorsorgen, bevor es zu spät ist.
Auch der größte Baum ist anfangs nur ein kleiner Sproß;
ein neunstöckiger Turm besteht zu Beginn nur aus wenigen Steinen
und jede Reise von tausend Meilen beginnt mit einem einzigen Schritt.

Wer rein egoistisch handelt, wird letztendlich doch scheitern;
wer immer nur nimmt, wird doch verlieren.
Weil der Weise persönlich nichts will, mißlingt ihm auch nichts;
weil er nichts festhält, kann er auch nichts verlieren.

Die Menschen meinen immer, ihr Tun wäre erfolgreich
und doch haben sie im Endeffekt nichts Bleibendes erreicht.
Würden sie von Anfang auch das Ende begreifen, würde ihnen das viel helfen.
Der Weise ist wunschlos und strebt nicht nach dem,
was andere allgemeinhin als erstrebenswert ansehen.
Er übt sich in dem, worum sich andere nicht kümmern
und vervollkommnet sich in dem, was die Menschen verloren haben,
indem er den natürlichen Lauf der Dinge zulässt und nicht dagegen verstößt.


65
Diejenigen, die früher die Kunst des TAO beherrschten,
waren nicht darauf aus, die Menschen zu ausgeprägten Persönlichkeiten zu erziehen.
Sie wollten das Volk eher einfach und bedürfnislos halten,
denn die Menschen sind um so schwerer zu regieren,
je selbstbewußter und individueller sie sind.

Ein Land zu regieren und alle mündig zu machen, das führt zu Schwierigkeiten;
ein Land mit schlichten und einfachen Menschen zu regieren, führt eher zu Harmonie.
Wer das erkennt, hat die Befähigung zum Führer.
Seine Befähigung zum Führer bedacht zu gebrauchen, ist die richtige Art und Weise.
Sich auf die richtige Art und Weise zu verhalten, das ist das große Geheimnis
und steht aber oft im Widerspruch zu der äußeren Welt.
Wendet man dies aber an, so führt es zur großen Harmonie.


66
Warum fließt alles Wasser in Flüssen und Strömen so willig zum Meer?
Weil sich das Meer in seiner Stellung letztendlich dem Wasser unterordnet.
Der weise Herrscher regiert, indem er sich ebenso verhält.
Er steht dem Volk vor, indem er hinter ihm steht.

Das Volk untersteht ihm, doch er ist keine drückende Last.
Er gibt den Ton an, doch nicht zum Schaden der Bevölkerung.
Und deshalb sind alle froh, daß er den Dingen vorsteht.
Weil er sich dem Allgemeinwohl unterordnet, sind alle mit ihm einverstanden.


67
Alle Menschen sagen,
meine Lehre sei zwar bedeutend, doch nichts fürs tägliche Leben geeignet.
Aber so ist das nun mal, daß das Bedeutende nicht immer leicht verständlich ist.
Wäre es anders, wäre es belanglos.

Für mich gibt es drei edle Verhaltensweisen, die ich verehre:
- Die erste ist Umsichtigkeit,
- die zweite Bescheidenheit,
- die dritte Zurückhaltung.

Umsichtigkeit macht souverän;
eigene Bescheidenheit läßt anderen gegenüber großzügig sein
und Zurückhaltung zeugt von wahrer Größe.

Heutzutage aber wird ohne Umsicht entschieden,
ist man verschwenderisch ohne Maß
und die Herrscher sind zügellos.
Das alles führt zum Untergang.

Nur der Umsichtige wird sich durchsetzen und behaupten.
Und der Himmel steht ihm schützend bei.


68
Der wahre Feldherr sollte sich nicht nach Krieg sehnen;
ein guter Kämpfer sollte sich nie aus Zorn schlagen;
wer den Feind bezwungen hat, sollte teilnahmslos bleiben
und ein guter Herrscher sollte lenken, statt zu unterdrücken.

Das ist die wahre Kunst der Kriegs- und Staatsführung
und das Ideal der Vorfahren.


69
Unter den Militärstrategen gibt es einen Spruch:

„Auf fremdem Grund und Boden spiele ich mich nicht auf,
sondern bin zurückhaltend; lieber gebe? ich nach, als vorzupreschen.“

Das bedeutet:
Voranzukommen ohne zu gehen,
erobern ohne Zutun,
abzuschütteln ohne Feindberührung,
Erhalten ohne Nehmen.

Der größte Fehler ist, den Feind zu unterschätzen,
denn damit gibt man seine Trümphe aus der Hand.

Wenn gleichstarke Gegner aufeinandertreffen,
wird der besonnenere siegen.


70
Ich rede in einfachen Worten und meine Lehre ist leicht ausgeführt,
doch auf der Welt kann sie niemand verstehen und niemand befolgen.

In meinen Worten liegt Sinn
und meinem Handeln liegt Einsicht zugrunde.
Doch weil die Menschen das nicht begreifen,
begreifen sie auch mich nicht.

Mich zeichnet aus, daß nur ganz Wenige mich erfassen können.
So ist der Weise nach außen hin unscheinbar,
während er den wahren Schatz doch in sich trägt.


71
Die Grenzen der eigenen Erkenntnis zu kennen, das ist das Wichtigste.
Diese Grenzen nicht zu kennen, ist Verblendung.
Wer aber seine Verblendung erkennt, ist davon geheilt.

Der wahrhaft Weise ist nicht verblendet,
er erkennt seine Grenzen und ist deshalb unbegrenzt.


72
Wenn die Menschen ihre Ehrfurcht vor Werten verlieren,
kommt Chaos auf.

Nimm ihnen nicht ihr Heim und mach ihnen nicht das Leben schwer.
Wenn man ihnen das Leben nicht vergällt, werden sie auch nicht unzufrieden.

Obwohl der Weise seine herausragende Stellung klar sieht,
trägt er sie nicht zur Schau.
Obwohl er von seinem Wert weiß,
beansprucht er keine Ehre.

Er kennt seine Möglichkeiten. Das genügt ihm.


73
Manchmal bringt die Entscheidung, etwas zu wagen, Nachteil,
d.h. es unterlassen zu haben, hätte den Vorteil gebracht.
Mal ist die eine, mal die andere Entscheidung die Beste.
Warum sich die Dinge mal so und mal so ergeben,
darauf hat selbst der Weise keine Antwort.

Der Lauf der Dinge hat seine eigene Art,

- es vollzieht sich einfach - ohne Diskussion,
- zeugt von sich - ohne Sprache,
- führt Entscheidungen herbei - ohne Anweisungen,
- macht alles passend - immer im richtigen Augenblick.

Das Geschehen der Welt ist zwar mannigfaltig,
doch der Lauf der Dinge übersieht nichts.


74
Verlieren die Menschen die Furcht vor dem Tod,
so kann man sie mit dem Tod nicht mehr schrecken.

Solange sie den Tod aber noch fürchten,
sollte man da diejenigen töten, die Ungesetzliches getan haben?

Der Tod kommt sowieso.

An seiner Stelle tätig zu werden, hieße,
sich etwas anmaßen, das einem nicht zusteht.
Wer aber doch zu diesem Mittel greift, der wird sich selber schaden.


75
Das Volk hungert, weil die Herrscher zu hohe Abgaben erheben;
deshalb muß es hungern.
Es herrscht Unordnung im Volk, weil die Herrscher zu viele Verordnungen erlassen;
das schafft Durcheinander.
Das Volk schert sich wenig um den Tod,
weil die Herrscher so viel Gewicht auf die Reize des Lebens legen;
da geht auch das Volk leichtfertig mit dem Tod um.

Wer aber sein Tun nicht nach den weltlichen Aspekten ausrichtet,
ist weiser als der, der alles darauf abstellt.


76
Während des Lebens sind die Menschen geschmeidig und weich,
aber hart und steif, wenn sie sterben.
Alle Pflanzen sind während ihres Wachstums saftig und biegsam,
aber dürr und trocken, wenn sie absterben.

So ist Starre und Härte ein Zeichen des Niedergangs,
Geschmeidigkeit und Weichheit aber ein Zeichen des Gedeihens.

Nicht was kräftig ist siegt,
denn gerade die stärksten Bäume werden bevorzugt gefällt.
Das Große und Harte unterliegt letztendlich,
das Weiche und Geschmeidige obsiegt.


77
Das Geschehen in der Welt ist mit dem Spannen eines Jagdbogens vergleichbar:
Das Hohe wird herabgedrückt und das Niedrige kommt nach oben.
Wo zuviel ist, da wird weggenommen
und wo es fehlt, wird hinzugegeben.
So ist der Lauf der Welt, er gleicht die Verhältnisse immer aus.

Das Verhalten der Menschen ist aber ganz anders:
sie nehmen dort weg, wo schon wenig ist und häufen es dort auf, wo schon viel ist.

Wer hat von allem so viel, daß er selbst der ganzen Welt noch davon abgeben könnte?
- nur der, der im Einklang mit TAO lebt.

So handelt der Weise, ohne großes Aufsehen zu erregen;
er vollendet sein Werk, aber es bedeutet ihm nichts;
er ist bescheiden und hält sich zurück.


78
Nichts auf der Welt ist weicher und schwächer als Wasser
und dennoch zermürbt es das härteste und stärkste Gestein
- weil es ausdauernd ist.

Daß Schwaches über Starkes siegt und das Flexible das Starre bezwingt,
weiß jeder.
Doch niemand verhält sich entsprechend.

Deshalb sage ich Euch:

Wer die Probleme des Volkes leichten Herzens auf sich nimmt,
der soll ihm auch vorstehen.
Wer die Schwierigkeiten des ganzen Landes auf sich nimmt,
der soll es regieren.

Die Wahrheit ist oft nur schwer zu verstehen.


79
Wenn Kompromisse geschlossen werden,
bleibt trotzdem auf beiden Seiten meist Verstimmung zurück.
Damit ist wenig gewonnen.

In seinem Umgang mit den Menschen
sieht der Weise deshalb immer nur seine Verpflichtungen
und nicht die Rechte, die ihm zustehen.
Die beste Einstellung ist die, sich um die eigenen Pflichten zu kümmern
und nicht, anderer Leutes Pflichten einzuklagen.

Der Lauf der Dinge ist immer auf Seiten des Guten.


80
Ein kleines Reich mit wenig Menschen.
Laß es da ruhig manche Dinge geben, die das Volk nicht braucht;
mache, daß sie ihr Leben gerne leben und ihr Glück nicht in der Ferne suchen;
laß sie Boote und Wagen besitzen, ohne deren Möglichkeiten zu nutzen;
laß sie Rüstungen und Waffen haben, ohne Anlaß, sie einsetzen zu wollen;
laß sie Gelehrsamkeit und Verwaltungskunst vergessen
und zu den grundlegenden Dingen zurückkehren.

Süß sei ihr Essen,
schön ihre Kleidung,
behaglich ihre Häuser
und fröhlich ihr Leben.

Und auch wenn andere Länder so nah liegen,
daß man deren Hahnenschrei und Hundegebell hören kann,
so sollen die Menschen doch alt und glücklich werden,
ohne ein Interesse daran gehabt zu haben, dorthin zu reisen.


81
Wahre Worte sind selten wohlgefällig
und gefällige Worten sind selten wahr.
Die Guten sind nur selten wortgewandt
und die Wortgewandten sind nur selten wirklich edel.
Die Weisen sind nur selten hoch gebildete Gelehrte
und Gelehrte sind nur selten weise.

Ein wahrhaft Weiser häuft nichts an;
für andere tätig zu sein, ist sein Verdienst;
anderen zu geben, ist sein Gewinn.

Der Lauf der Dinge ist ohne Fehl und Tadel.
Der wahrhaft Weise wirkt ebenso.
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Handle, ehe es da ist / Lenk es ehe es wirr wird / Der Weise geht zurück den Weg, den die Menschen gingen / um den Dingen zurückzuhelfen zu ihrer Natur / und wagt nur eines nicht: wider die Natur zu handeln.

Esoterische Tierwelt - was für ein Tier bist Du?
Allgemeines zur Natur der Magie
Vom Wünschen und vom Wollen
Wahrhaftigkeit und Glaube

Geändert von StarFire (08.10.2006 um 11:54 Uhr).
StarFire ist offline  
Alt 19.10.2006, 10:51   #2
Morag
WabunTwoBlueFeathers
 
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Beiträge: 2.048
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StarFire, danke fürs Posten!

ich war so frei, es mir runterzuziehen.

Das Tao de King war das erste Stück Literatur, was mir begegnete, als ich mich glaubensmäßig auf die Suche begab.
Morag ist offline  
Alt 19.10.2006, 13:28   #3
Wilhelm von Junzt
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Deine Übetragung ? Hast du es selbst übersetzt ? Dann gilt dir unser aller Respekt !

@ Topic: Das Buch ist wohl zweifellos eines der wichtigsten Werke der Philosophie!
Wilhelm von Junzt ist offline  
Alt 19.10.2006, 19:32   #4
StarFire
Drache vom Dienst (MOD)
 
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Beiträge: 5.681
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Quatsch! Ich kann auf chinesisch "Guten Tag" sagen. Das ist alles. Die Übertragung ist von Matthias Claus, wie es auch im Text steht und die Quelle ist auch angegeben.

Meiner Meinung nach eine der besten Übersetzungen, die es gibt.

lg
SF
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Alt 19.10.2006, 20:41   #5
regenbogen
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Danke Dir Starfire für Deine Mühe!

Das ist wohl wahr, dass EineR, der selber nie in die Tiefen der Transzendenz gelangt ist, diesem Text nicht gerecht werden kann!

Regenbogen
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we are the power in everyone
we are the dance of the moon and the sun
we are the hope that will never hide
we are the turning of the tide
regenbogen ist offline  

Alt 25.10.2006, 15:44   #6
der Reisende
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Ort: Peine Nds; Rüsselsheim HE oder was der Himmel wo
Alter: 52
Beiträge: 1.604
Standard

Hi,

wie schon vor gesagt, es kommt auf den Übersetzer an. Bei meiner Version sind auch noch Anmerkungen zu den Überetzungen. Leider im hinteren Teil des buches.

ich grüße euch

Jürgen
__________________
Und wenn alle anderen die von der Partei verbreitete Lüge glaubten – wenn alle Aufzeichnungen gleich lauteten –, dann ging die Lüge in die Geschichte ein und wurde Wahrheit.
Alles was was ist, schmeiß ich auf den Mist; alles was was war, spül ich gleich durchs Pissoir, alles was nichts werden kann, fange ich noch heute an (Peter Rühmkorff)
der Reisende ist offline  
 



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